Aus der Reihe “Theatervisionen der ANDY GIRLS”:

"Ich weiß nicht, ob dieser Job hier in meiner langen Liste von Jobs der schönste ist oder der traurigste. Neulich habe ich das erste Mal diese Performance von einer Gruppe aus New York gesehen, und das war auch das erste Mal in meinem Leben, daß ich in einem Theater bitterlich weinen mußte. Ich glaube, ich möchte im Theater gern noch mehr weinen. Oder die Menschen zum Weinen bringen? Ja, das. DAS!"

(ANDY GIRL Nadine)

KOFFERPACKEN MIT TURBO PASCAL

Turbo Pascal hat derzeit im Rahmen der Doppelpass Förderung sein Kollektiv potentiell um die 350 Mitarbeiter des Theater Freiburgs erweitert. Bei Treffen mit den Mitarbeitern des Theaters stellen wir uns die Frage wie ein Stadttheater der Zukunft aussehen kann. Dabei haben wir in einer Probe mit den Mitarbeitern Kofferpacken gespielt. Die Frage dabei war, was man in das Theater der Zukunft mitnehmen wird und was man in diesem Theater vorfindet.

Ich packe meinen Koffer für das Theater der Zukunft und. Ich nehme mit…

meine Kaffeetasse …. die Drehbühne… das Orchester ….. die google docs software …… die Heißklebepistole… den Betriebsausflug…… die rauchfreie Pforte … den Kampf ums Publikum… die Berufsgruppe der Assistenten …. kleine Instrumente… Blackboxes und Whiteboxes… mein Festengagement….. die hausinternen Werkstätten… das Modell der klassischen Rollen/Bühnenfigur….. das Musikensemble… den Personalrat… eine Klimaanlage… die Laien… 1 Techniker… den roten Vorhang… das Konzept des Monatsspielplans… den Szenenapplaus… das Publikum… die theaterinternes Werkstätten… einige Philosophen… den alten Shakespeare… einen Musik-PC… meine Geige… die Theatermäuse… die Bottiche zum kühlen des Premierensektes… den Balletsaal mitsamt der guten Aussicht ins Ausland… eine große Kiste mit allen Spielplänen der vergangenen 100 Jahre….

Im Theater der Zukunft finde ich vor…

einen männlichen Intendanten… leere Büroräume… Volksabstimmungen. multifunktionale Transport- und Kommunikationswege…. eine Theaterhymne….. regelmäßigen Frühsport… Räume für Austausch… ein Intendantenensemble… eine Kita…. eine Küche, die das Zentrum des Theaters bildet…. ich finde den Rüstmeister vor, obwohl ich ihn nicht mitgenommen habe…. Linien die in die Stadt hinaus führen…. viele kleine Außenspielstätten, die über die ganze Stadt verteilt sind…. eine CO 2 neutrale LKW Flotte, die die Gastspiele ermöglicht….. einen Container in dem sich ein mobiles Forschungsinstitut befindet… ein festes Ensemble… opulente Aufführungen… spartenübergreifende Aufführungen… eine riesige bluebox….. abteilungsübergreifendes, entspanntes Arbeiten….. eine Armee von kleinen Robotern, die die ganze Arbeit machen und von dem einen Techniker gesteuert werden… Lese- und Ruheräume….. eine Kita… einen swimmingpool… kurze Treffen um Gymnastik zu machen…. einen großen wandelbaren Raum…. eine Aussicht auf Stadt, Land, Meer… eine Solaranlage.

Heil dem Intendanten

Meine Ruh’ezeit ist hin. Unsere Ruhezeit schenken wir gerne dem Theater, vier Stunden, drei -heute nur zwei. Aber dafür dürfen wir den schönsten Beruf der Welt ausüben! Da darf man doch keine Ansprüche stellen. Heil dem Intendanten!, er hat uns ausgewählt, aus dem Heer der arbeitssuchenden Schauspieler, die in Form von Papierstapeln in seiner Intendantenstube liegen, die Berlin bevölkern und Hamburg auch. Wir haben ein Gesicht bekommen! Wir hängen im Foyer und schauen hinab auf die Zuschauer, die sich ihre Karten an der leeren Kasse abholen. Wir müssen dankbar sein, dem Intendanten, der uns alles gibt, damit wir Abend für Abend alles geben können, im leeren Raum, Shakespeare, Ibsen und morgen ist Komödie. Wir können alles, wie alle anderen auch, warum die einen ganz oben mitspielen dürfen und wir nicht, fragen wir uns wie alle, die sich in der Provinz die Texte um die Ohren schlagen, statt die Nächte, wie das wohl die oberen Zehn und nicht zehntausend Schauspieler in der Großstadt tun. Die letzteren stellen sich regelmäßig dem Arbeitsamt vor, statt dem zahlenden Publikum. Sie sind eine Zahl, keine Persönlichkeit, die uns ja zu diesem Beruf so befähigt, sondern Masse. Verstummt. Dabei gäbe es doch so viel zu erzählen. Wir im Ensemble erzählen das, was auf dem Besetzungszettel steht. Der Besetzungszettel ist unser Gebot, nicht in Stein geschlagen, aber mit der Tinte des Intendanten besiegelt, dem Blut des Theaterbetriebes. Und wenn wir wieder ganz unten stehen, irgendwo im Niemandsland dieses schwarzen Brettes, verdammt die schwarzen Löcher auf der Bühne zu füllen, die die Protagonisten hinterlassen, werden wir dafür aber wieder viel Zeit haben, für Haus, Hund, Kind und Kegel, Ensemblespieler werden wir sein, an guten wie an schlechten Tagen. Denn ankommen wollen wir doch nur, das fahrende Volk, auch wenn man sich lieber die Zunge abbeißen würde, als das laut zu sagen. Leicht über die Zunge geht nur Berlin. Aber über alles geht das Ensemble. Weg mit den Protagonisten. Heißt es zumindest in der Kantine, in die die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers fallen, bevor es herbstlich wird und neben den Blättern auch wieder die Hüllen auf der Bühne fallen. Muss das denn schon wieder sein? Der Oktober kommt. Nicht golden, sondern per Kurierbrief. Und dann beginnt das ganze Spiel von vorne. Beziehungsweise ist zu Ende. Dann spielt man nichts mehr, im Sommer drauf. In der Spielzeit darauf. Die Ensembles werden immer kleiner und Protagonisten gibt es allerorten. Also lieber heute noch mal nichts sagen zum verweigerten Freizeitausgleich, auch wenn wir ja die Reibung so sehr schätzen. Heute muss die Familie doch sich selbst genügen. Wer weiß, was noch kommt. Wir spielen immer, wie Will Quadflieg einst seinen Erinnerungen einen Namen gegeben hat, der Protagonist schlechthin. Auch wenn er das ganz anders gemeint haben wird. In 20 Jahren spielt von uns keiner mehr, wir werden uns nur noch fragen, wo sie denn jetzt spielt, die Musik. Hier!, werden wir da nicht mehr schreien.